Eine Übung ohne Erfinder
Wer hat den Liegestütz erfunden? Die ehrliche Antwort lautet: niemand – und alle. Anders als das Bankdrücken, das eine Hantelbank braucht, oder der Klimmzug, der eine Stange braucht, braucht der Liegestütz nichts außer Boden. Das macht ihn zu einer der wenigen Kraftübungen, die vermutlich in jeder Kultur unabhängig entstanden sind, lange bevor jemand auf die Idee kam, ihr einen Namen zu geben. Was wir dokumentieren können, ist deshalb nicht der Ursprung der Bewegung, sondern der Moment, in dem sie zur Übung wurde: benannt, gezählt, gelehrt und irgendwann in Rekordlisten und Studien vermessen.
Diese Reise beginnt in den Ringerschulen Indiens, führt über die Turnplätze des 19. Jahrhunderts und die Kasernen des 20. bis zu den Kraftmessplatten der Sportwissenschaft – und sie erklärt nebenbei, warum eine so simple Bewegung zweihundert Jahre Fitnessgeschichte unbeschadet überstanden hat.
Die Wurzeln: Bewegung ohne Namen
Indien: Dand und die Ringerschule
Die ältesten gut belegten Vorläufer stammen aus dem indischen Ringen, dem Pehlwani, und seinen Vorgängerformen. In den traditionellen Trainingsstätten, den Akharas, gehören seit Jahrhunderten zwei Übungen zum täglichen Pflichtprogramm: der Baithak, eine tiefe Kniebeuge, und der Dand – eine wellenförmige Liegestütz-Variante, bei der der Körper aus einer Position mit hoch gestreckter Hüfte in einer Kreisbewegung nach vorn und oben taucht. Im Westen ist der Dand heute als „Hindu Push-up“ bekannt. Er trainiert nicht nur Brust und Arme, sondern mobilisiert die gesamte Wirbelsäule und Schulter – was erklärt, warum er im Ringen, wo Beweglichkeit unter Last alles ist, nie aus der Mode kam.
Legendär sind die Zahlen, die den großen Ringern des frühen 20. Jahrhunderts zugeschrieben werden: Der Great Gama, der zwischen 1900 und 1920 als unbesiegbar galt, soll täglich Tausende Dands und Baithaks absolviert haben. Wie viel davon Überlieferung und wie viel Trainingsprotokoll ist, lässt sich nicht mehr klären – dass der Dand das Rückgrat eines der ältesten dokumentierten Körpergewichts-Trainingssysteme der Welt ist, schon.
Antike und Kampfkünste: mehr Vermutung als Beleg
Oft liest man, schon römische Legionäre oder griechische Athleten hätten Liegestütze trainiert. Direkte Belege dafür gibt es nicht. Die antike Gymnastik kannte Stützpositionen und Bodenübungen, aber die erhaltenen Quellen beschreiben keine standardisierte Liegestütz-Bewegung. Ähnlich in den chinesischen Kampfkünsten, wo Stützübungen auf Fäusten und Fingern seit langem Teil der Konditionierung sind – ohne dass sich ein Datum oder ein Erfinder benennen ließe. Die Bewegung ist alt; die Übung, wie wir sie kennen, ist es nicht.
Das 19. Jahrhundert: Aus dem „Stütz“ wird der Liegestütz
Dass der Liegestütz im Deutschen so heißt, wie er heißt, verdankt er der Turnbewegung. Als Friedrich Ludwig Jahn 1811 auf der Berliner Hasenheide den ersten Turnplatz eröffnete, entstand mit dem Turnen auch eine eigene Fachsprache: Hang, Stütz, Schwung, Kehre. Der „Stütz“ ist im Turnen jede Position, in der die Arme den Körper tragen – am Barren, am Reck, auf dem Boden. Ein „Liegestütz“ war folglich zunächst eine Position: gestreckt liegend, auf den Händen gestützt. Erst über die Zeit wurde daraus die Bewegung, die wir heute zählen.
Parallel dazu formte in Schweden Pehr Henrik Ling seine „Schwedische Gymnastik“, ein System aus standardisierten Freiübungen ohne Geräte, das über Schulen und Armeen in ganz Europa verbreitet wurde. Beide Traditionen – das deutsche Turnen und die schwedische Gymnastik – brachten Bodenübungen in die Lehrpläne von Schulen und Militär. Der Liegestütz wurde zur Schulübung, und Schulübungen werden gezählt. Genau hier beginnt seine Karriere als Testverfahren.
1905: Das Wort „Push-up“
Im Englischen taucht das Wort push-up laut Merriam-Webster erstmals 1905 auf; die britische Variante press-up folgt wenig später. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Um die Jahrhundertwende erlebte die westliche Welt ihre erste Fitnesswelle: Die „Physical Culture“-Bewegung um Figuren wie Eugen Sandow und Bernarr Macfadden verkaufte Kurse, Zeitschriften und Trainingssysteme an ein Massenpublikum – und Körpergewichtsübungen waren das ideale Produkt, weil jeder sie zu Hause machen konnte. Der Liegestütz bekam einen Namen, weil er ein Markt geworden war.
Militär und Schule: Die Übung wird zum Test
Das 20. Jahrhundert machte aus dem Liegestütz eine Messgröße. Armeen brauchen einen Fitnesstest, der ohne Geräte, überall und für Tausende Rekruten gleichzeitig funktioniert – und kaum eine Übung erfüllt das so gut. Ab den 1940er-Jahren gehörten Liegestütze fest zu den Eignungs- und Fitnesstests der US-Streitkräfte. Ihr bekanntestes Format war der Army Physical Fitness Test (APFT), der von 1980 bis in die frühen 2020er galt: zwei Minuten Liegestütze, zwei Minuten Sit-ups, zwei Meilen Laufen. Die Nachfolgeprüfung, der Army Combat Fitness Test, ersetzte die klassische Variante durch den „Hand-Release Push-up“, bei dem die Hände am tiefsten Punkt kurz vom Boden gelöst werden – ein Versuch, halbe Wiederholungen unmöglich zu machen.
Von der Armee wanderte der Test in Polizei- und Feuerwehr-Auswahlverfahren, in Schul-Fitnesstests und in die Normtabellen der Sportmedizin. Das American College of Sports Medicine führt bis heute Referenzwerte für die maximale Liegestütz-Anzahl nach Alter und Geschlecht – dieselbe Art von Test, den auch die Feuerwehrleute in der später berühmt gewordenen Harvard-Studie absolvierten.
Die Rekordjagd
Sobald etwas gezählt wird, will jemand die größte Zahl. Die Liegestütz-Rekorde des 20. Jahrhunderts lesen sich wie eine Eskalation:
| Jahr | Wer | Was | Zahl |
|---|---|---|---|
| 1965 | Charles Linster (USA) | Liegestütze am Stück | 6.006 |
| 1980 | Minoru Yoshida (Japan) | Liegestütze am Stück | 10.507 |
| 1988–1989 | Paddy Doyle (GB) | Liegestütze in einem Jahr | 1.500.230 |
| 1993 | Charles Servizio (USA) | Liegestütze in 24 Stunden | 46.001 |
| seit 2022 | mehrere Athleten | Liegestütze in einer Stunde | über 3.000 |
Minoru Yoshidas Marke von 10.507 Wiederholungen ohne Pause aus dem Oktober 1980 ist bis heute ungebrochen und wird es wohl auch bleiben – kaum jemand versucht sich noch an der Kategorie „ohne Unterbrechung“. Charles Servizio brauchte 1993 für seine 46.001 Liegestütze rund 21 Stunden – ein Schnitt von mehr als 36 Wiederholungen pro Minute über fast einen ganzen Tag. Und die Stundenrekorde der 2020er, bei denen zuletzt Australier die Marke von 3.000 Wiederholungen überschritten, entsprechen mehr als 50 Liegestützen pro Minute, sechzig Minuten lang.
Was diese Zahlen zeigen, ist weniger die Grenze der Muskulatur als die des Willens – und ein Detail, das jeder Trainierende kennt: Bei solchen Umfängen ist die Wiederholung nicht mehr tief und kontrolliert, sondern so knapp wie erlaubt. Die Rekordregeln definieren Tiefe und Streckung deshalb bis auf den Zentimeter.
Die Wissenschaft entdeckt die Liegestütze
Lange war der Liegestütz Trainings- und Testübung, aber kein Forschungsgegenstand. Das änderte sich in den 2000er-Jahren, als die Elektromyografie und Kraftmessplatten in die sportwissenschaftlichen Labore einzogen. Studien wie die von Cogley et al. (2005) zur Handposition oder von Ebben et al. (2011) zum bewegten Körpergewicht vermaßen die Übung erstmals präzise – die Ergebnisse haben wir im Artikel Welche Muskeln trainieren Liegestütze? zusammengefasst.
Den größten Sprung in die Öffentlichkeit machte die Übung jedoch 2019, als ein Team der Harvard T.H. Chan School of Public Health im Fachjournal JAMA Network Open zeigte, dass Männer, die mehr als 40 Liegestütze am Stück schafften, in den folgenden zehn Jahren ein drastisch geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse hatten als jene mit weniger als zehn. Die Studie wurde weltweit zitiert, oft vereinfacht, manchmal missverstanden – was sie wirklich zeigt und was nicht, steht in unserer Analyse der Harvard-Studie. Für die Geschichte der Übung ist sie ein Wendepunkt: Der Liegestütz war nun nicht mehr nur ein Test der Fitness, sondern ein Marker für Gesundheit.
Pop-Kultur und die Rückkehr des Körpergewichts
Die Fitnessindustrie hatte den Liegestütz in den 1980er- und 1990er-Jahren fast vergessen – Maschinen, Hanteln und Aerobic-Studios waren das Geschäft. Zurück kam er über das Internet. 2008 machte das Programm „One Hundred Push-ups“, ein sechswöchiger Plan vom Anfängertest bis zu 100 Wiederholungen am Stück, als eine der ersten viralen Fitness-Challenges die Runde. Wenig später wuchs aus Parks in New York und Osteuropa die Street-Workout- und Calisthenics-Szene, die Körpergewichtstraining als eigene Disziplin mit Wettkämpfen etablierte. Und als 2020 weltweit die Studios schlossen, stand plötzlich wieder die älteste Übung der Welt im Mittelpunkt: Liegestütz-Challenges auf Social Media, Tracking-Apps, tägliche Streaks. Der Liegestütz war wieder das, was er 1811 auf der Hasenheide gewesen war – eine Übung für alle, überall, ohne Gerät.
Warum diese Übung überlebt hat
Trends in der Fitnesswelt halten selten länger als ein Jahrzehnt. Der Liegestütz ist seit zwei Jahrhunderten dokumentiert und vermutlich seit Jahrtausenden in Gebrauch. Drei Eigenschaften erklären das:
- Er braucht nichts. Kein Gerät, keine Halle, keine Kosten. Jede Kaserne, jede Schule, jedes Wohnzimmer ist ein Trainingsort.
- Er ist skalierbar. Von der Wand bis zum einarmigen Liegestütz deckt dieselbe Bewegung ein Kraftspektrum ab, das sonst einen ganzen Hantelsatz bräuchte – die Übersicht dazu gibt unser Varianten-Guide.
- Er ist zählbar. Eine Wiederholung ist eine Wiederholung. Das machte ihn zum Test, zum Rekord, zur Studie – und zur Challenge.
Fazit
Die Geschichte der Liegestütze ist die Geschichte einer Bewegung, die immer da war, und einer Übung, die erst mit dem Zählen begann: in den Akharas Indiens, auf den Turnplätzen Berlins, in den Kasernen des 20. Jahrhunderts und in den Laboren des 21. Jeder, der heute morgens seine Wiederholungen protokolliert, schreibt ein kleines Stück davon weiter.
